Liniendiagramm mit steigender Preiskurve im AURUNAUT-Design — Symbol für das Thema Inflation.

Warum Inflation nicht gleich Inflation ist – drei Zahlen, die selten dasselbe meinen

Die Nachrichten melden eine moderate Inflationsrate, doch beim Wocheneinkauf fühlt sich davon wenig wie eine Entlastung an. Dieser Widerspruch ist keiner. Er entsteht, weil „die Inflation“ gar keine einzelne Zahl ist, sondern mehrere – und sie beantworten unterschiedliche Fragen. Drei von diesen Inflationsarten lohnt es sich auseinanderzuhalten: die amtliche, die gefühlte und die Kerninflation.

Die amtliche Inflation: ein Korb aus rund 700 Gütern

Wer von „der Inflationsrate“ spricht, meint meist die amtliche Größe. Das Statistische Bundesamt (Destatis) beobachtet dafür die Preise eines repräsentativen Warenkorbs aus rund 700 Güterarten – von Honig über den Kinobesuch bis zur Polstergarnitur und Wohnungskaltmiete – und gewichtet sie nach ihrem Anteil an den Konsumausgaben. Destatis spricht hier von „Wägungsanteilen“, mit denen die Preisveränderungen je Gut in den Gesamtindex einfließen. Das Ergebnis ist der bekannte Verbraucherpreisindex (VPI). Dessen Veränderung gegenüber dem Vorjahr ist die viel zitierte Teuerungsrate.

Genau genommen gibt es sogar zwei amtliche Zahlen. Neben dem nationalen VPI berechnet das Statistische Bundesamt zusätzlich auch den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für Deutschland. Der HVPI wird nach einheitlichen europäischen Regeln ermittelt und soll die Preisentwicklungen der europäischen Länder untereinander vergleichbar machen. Auf den HVPI schaut die Europäische Zentralbank, wenn sie die Preisstabilität im Euroraum beurteilt. Beide Zahlen, VPI und HVPI, können leicht voneinander abweichen – etwa weil der HVPI die Kosten selbst genutzten Wohneigentums ausklammert. Dieser statistische Ansatz des HVPI hat zum Ergebnis, dass die Gewichtung von Dienstleistungen geringer ausfällt.

Bezüglich des Aufbaus des HVPI der ergänzende Hinweis, dass die EZB seit einigen Jahren daran arbeitet, die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum schrittweise in den HVPI zu integrieren (Europäische Zentralbank 2025). Da allerdings im Europäischen Statistischen System noch keine Einigung hinsichtlich einer Erfassung von selbst genutztem Wohneigentum im HVPI erzielt werden konnte, steht diese Anpassung noch aus.

Die gefühlte Inflation: warum der Alltag teurer wirkt

Die zweite Zahl steht in keiner amtlichen Statistik – und ist trotzdem real. Wahrgenommen wird vor allem, was man häufig kauft: Lebensmittel, Benzin, der Kaffee unterwegs. Steigen diese Preise, fühlt sich alles teurer an, selbst wenn Fernseher oder Möbel zugleich günstiger werden. Der Statistiker Hans Wolfgang Brachinger entwickelte dafür 2005 den Index der wahrgenommenen Inflation (IWI) (Brachinger 2005). Dieser Index gewichtet häufige Käufe stärker und berücksichtigt, dass Menschen Preissteigerungen empfindlicher registrieren als Preissenkungen.

Das Ergebnis liegt meist über der amtlichen Rate. Wie weit, zeigen Befragungen: Im Euroraum lag die wahrgenommene Inflation zwischen 2004 und 2015 im Mittel bei rund 9,5 Prozent, die amtliche bei etwa 1,8 Prozent (Bloomberg 2017). Für Deutschland klaffte die Lücke im Krisenjahr 2022 um rund 13 Prozentpunkte auseinander (Destatis 2022).

Die Kerninflation: der Trend unter dem Rauschen

Die dritte Zahl blendet bewusst aus, was kurzfristig am stärksten schwankt – vor allem Energie und Lebensmittel. Übrig bleibt die Kerninflation, der zähe Trend, der zeigt, wie breit der Preisauftrieb wirklich ist. Sie wird vom Statistischen Bundesamt und auf europäischer Ebene von Eurostat berechnet. Die Kerninflation dient Notenbanken als wichtiger Indikator, weil ein kurzer Energiepreis-Schock die Geldpolitik nicht in die Irre führen soll. Wichtig ist die Einordnung: Das bekannte Zwei-Prozent-Ziel der EZB bezieht sich auf die gesamte Teuerung des Warenkorbs (Gesamtinflation), nicht jedoch auf die Kernrate. Die Kerninflation ist somit kein Zielwert, sondern ein wichtiger Frühindikator für den zugrunde liegenden Trend.

Drei Zahlen, drei Fragen

Am Ende beantworten die drei Größen verschiedene Fragen. Die amtliche Rate sagt, wie sich der Durchschnitt aller Konsumausgaben entwickelt. Die gefühlte erklärt, warum der eigene Alltag sich anders anfühlt als die Statistik. Und die Kerninflation zeigt den Trend hinter dem monatlichen Rauschen. Wer das nächste Mal in den Nachrichten „die Inflation“ hört, gewinnt mit einer einzigen Rückfrage an Klarheit: Welche Inflation ist eigentlich gemeint?

Quellen

  • Bloomberg L.P. (2017): Verbraucher nehmen Inflation immer überhöht wahr. In: Das Investment, Aktualisiert am 21. April 2017. Hamburg: Edelstoff Media GmbH.
  • Brachinger, H. W. (2005): Der Euro als Teuro? Die wahrgenommene Inflation in Deutschland. In: Statistisches Bundesamt – Wirtschaft und Statistik 9/2005 (PDF). Gastbeitrag, S. 999–1013. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. [abgerufen am 01.07.2026].
  • Burgartz,T., Heuermann, D., & Krämer, A. (2022): Gefühlte Inflation als Bestimmungsgrund der Spar- und Konsumstruktur von Verbrauchern. In: Wirtschaftsdienst, 102. Jahrgang, 2022, Heft 10 , S. 782–788.
  • Deutsche Bundesbank (2026): Harmonisierter Verbraucherpreisindex. Frankfurt am Main: Deutsche Bundesbank. [abgerufen am 01.07.2026].
  • Europäische Zentralbank (2025): Feedback zu den Anregungen des Europäischen Parlaments in seiner Entschließung zum Jahresbericht der Europäischen Zentralbank 2023. Frankfurt am Main: Europäische Zentralbank.
  • Eurostat (2023): Owner-occupied housing and the harmonised index of consumer prices – Outcome of the work of the European Statistical System. Statistical Working Papers, Ausgabe 2023 (PDF). Luxemburg, Juni 2023. doi: 10.2785/616789 . [abgerufen am 01.07.2026].
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) (2022): Inflation – Energie und Lebensmittel: Auswirkungen auf die Verbraucherpreise 2022. Themenseite Inflation 2022. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. [abgerufen am 01.07.2026].
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) (2023): Preise – Verbraucherpreisindex für Deutschland – Wägungsschema für das Basisjahr 2020. PDF. 22.02.2023, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. [abgerufen am 10.07.2026].
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI) – Erläuterungen. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. [abgerufen am 01.07.2026].
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Verbraucherpreisindex (VPI). – Methodische Erläuterungen. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. [abgerufen am 01.07.2026].

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